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Gebärdensprache-Kurse im Clubhaus in Obertshausen 



                                                                     "Offenbach-Post am 04.03.2017"

Sandra Keller und Claudia Ruess bieten Kurse an

Gebärdensprache: Mit den Händen reden

Schnell und flüssig bewegen Sandra Keller (links) und Claudia Ruess im Gespräch ihre Hände. Wer die Grundlagen der Deutschen Gebärdensprache lernen möchte, kann bei den beiden Kurse belegen. - Foto: Prochnow
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Schnell und flüssig bewegen Sandra Keller (links) und Claudia Ruess im Gespräch ihre Hände. Wer die Grundlagen der Deutschen Gebärdensprache lernen möchte, kann bei den beiden Kurse belegen. - Foto: Prochnow

Obertshausen - Erst seit wenigen Tagen ermöglicht das Kultusministerium Gebärdensprache als Wahlfach an den Schulen. Die hörbehinderte Sandra Keller führt bereits eine AG an der Waldschule. Mit Claudia Ruess bietet sie ab April Kurse an. Von Michael Prochnow

„Mein Baby!“ Die beiden Freundinnen wiegen ihre Smartphones und strahlen. Was die einen schon als Sucht verteufeln, ist für die jungen Frauen die größte Erfindung des Jahrhunderts: WhatsApp, Skype und all die Nachrichtendienste im Internet helfen den Hörgeschädigten noch mehr als gesunden Nutzern, in Kontakt zu bleiben. Und trotzdem ist für sie ein anderes Medium unverzichtbar, um sich zu unterhalten: die Deutsche Gebärdensprache. Sandra Keller und Claudia Ruess sind Mitglieder im Ortsbund der Gehörlosen Stadt und Kreis Offenbach, der sein Vereinsheim an der Heusenstammer Straße mit der Gehörlosen-Sportgemeinschaft Offenbach teilt. Sandra ist aktive Sportkeglerin in der Hessenliga und bestreitet Wettkämpfe im Trikot der TSG Bürgel. Sie spielt außerdem in der Damenfußballmannschaft des Deutschen Gehörlosenverbands in Darmstadt. In der Jugendstilstadt arbeitet die Mutter von zwei Kindern als Bauzeichnerin.

Die Hausenerin ist von Geburt an fast taub, ihr Mann auch, die beiden Töchter dagegen hören normal. Auch die Eltern ihres hörenden Vaters und Gebärdendolmetschers Wolfgang Keller waren gehörlos. „Die Wahrscheinlichkeit ist 50 zu 50, dass die Kinder von Gehörlosen auch erkranken“, informiert er. Claudia Ruess war Materialprüferin bei der VDO in Babenhausen. Die Klein-Auheimerin hat gerade eine Spezialausbildung zur pädagogischen Fachkraft für Gebärdensprache und zur Frühförderung von Kindern mit Gehörschäden absolviert. Damit könnte sie in der ambulanten Betreuung und auch an Regelschulen arbeiten. Sie hat zwei erwachsene Kinder, übt Stand-up-Paddling in der Ski- und Kanugesellschaft Hanau. Claudia hat ein etwas größeres Hörvermögen als ihre Kollegin.

Derzeit qualifizieren sich beide im Bayrischen Institut zur Kommunikationsförderung für Menschen mit Hörbehinderung innerhalb der Gesellschaft Inklusion-Bildung (GIB) in Nürnberg und München. Einmal im Monat besuchen sie ein Wochenend-Seminar, um ein Zertifikat zu erlangen. Dabei geht es um die Grundlagen der Gebärdensprache sowie um soziologische und gesellschaftliche Hintergründe. Mit diesem Wissen ausgestattet werden sie ab 19. und 24. April zwei Lehrgänge über jeweils zehn Abende führen, in denen sie allen Interessierten mithilfe von Grafiken, Fotos und Filmen, per Beamer, Video und auf Papier die Grundlagen der Gebärdensprache vermitteln. Die beiden Frauen wollen den Teilnehmern dabei einen Einblick in die Situation hörbehinderter Menschen und die Formen, wie diese kommunizieren, verschaffen.

Bestimmte Finger- und Handform

Dabei lernen die Teilnehmer das Fingeralphabet kennen: Jeder Buchstabe besteht aus einer bestimmten Finger- und Handform. Zwar gibt es für verbreitete Gegenstände und Situationen Gebärden, nicht aber für Namen und seltene Begriffe, erläutert Dolmetscher Keller. Diese Mitteilungsform sei auch international verwendbar. Zudem gebe es schon regionale Unterschiede bei den Gebärden. Dann sollen die Schüler auch die „vereinfachte Grammatik“ verstehen lernen. Der Gehörlose sagt nicht, „ich bin ein Italiener, und du?“, sondern zeigt „ich Italien – du?“. Im dritten Teil werden auch Arme und der ganze Oberkörper benutzt. „Es ist keine Pantomime, die ja den ganzen Körper einbezieht“, betont Sandra. Die Gebärdensprache beschränkt sich auf den Oberkörper. Die Kurse sollen langfristig dazu führen, dass mehr Leute wenigstens Grundlagen der Gebärdensprache verstehen.

Je nach Interesse richten die beiden Leiterinnen auch individuelle Intensivkurse ein. Willkommen ist jeder, die Initiatorinnen denken aber besonders an Mitarbeiter in der Verwaltung, in Kindergärten, Schulen und Pflegeeinrichtungen. In Obertshausen lebt etwa ein Dutzend Gehörlose. Sandra und Claudia wollen ihr Angebot auch Volkshochschulen unterbreiten und denken an eine Bereicherung von Ferienspielen. Während Sandra bereits an der Waldschule unterrichtet, will sich Claudia auf die Kommunikation von hörbehinderten Babys, Kleinkindern, Jugendlichen und Erwachsenen konzentrieren. Die Dozentinnen sind aber flexibel und richten sich nach dem Interesse.

Wer an einem der Kurse teilnehmen möchte, kann sich per Mail an Sandra Keller unter dgskeller@gmail.com (Mittwochs-Kurs) oder Claudia Ruess unter dgsruess@gmail.com (montags) anmelden. Die Gebühr beträgt für zehn Einheiten à 90 Minuten 90 Euro (80 für Schüler, Studenten und Ruheständler). Treffpunkt ist das Clubhaus an der Heusenstammer Straße 4 in Obertshausen.